4. Kolloquium zu Kriminalität und Strafjustiz in der Neuzeit, 18. – 20. Jh.

September 9 - 11, 2015
Colloquium in München/Gauting
Conveners: Sebastian Frenzel (Technische Universität Dresden), Alexandra Ortmann (Berlin), Désirée Schauz (Technische Universität München), Richard F. Wetzell (Deutsches Historisches Institut Washington)

Call for Papers

Die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Kriminalität und Justiz unterliegt Konjunkturen. In Deutschland sind in den letzten Jahren die Sicherheitsverwahrung, körperliche Gewalt sowie das Verhältnis von medialer Berichterstattung und Unschuldsvermutung zentrale öffentliche Themen gewesen. Auf globaler Ebene stehen Terrorismus und politisch motivierte Gewalt, sicherheitspolitische Maßnahmen wie Überwachung und Folter und deren Auswirkungen auf die gesamtgesellschaftliche Ordnung im Vordergrund des Interesses. Wie die meisten Themen der Justiz- und Devianzgeschichte sind diese Debatten Historikerinnen und Historikern seltsam vertraut und weisen doch epochen- und kontextbezogene Spezifika auf. Die historische Auseinandersetzung mit abweichendem Verhalten und Justiz findet daher immer auf drei Ebenen statt: Neben die Erforschung der juristischen Abläufe, Definitionen und Diskurse treten die Analyse der gesellschaftlichen und staatstheoretischen Rolle der Justiz und der sozialen Kontrollinstanzen, und schließlich auch Erkenntnisse über die allgemeinen gesellschaftlichen Machtverhältnisse. Auf diese Weise hilft eine historische Perspektive aktuelle kriminalitäts- und sicherheitspolitische Diskussionen in größere gesellschaftliche Zusammenhänge einzuordnen.

In Deutschland kann die Erforschung der Geschichte von Kriminalität und Strafjustiz mittlerweile auf eine mehr als 20-jährige Tradition zurückblicken. Dabei haben sich die Untersuchungszeiträume inzwischen vom Mittelalter und der Frühen Neuzeit auf die Zeitgeschichte ausgedehnt; die methodischen Ansätze sind vielfältiger geworden; und juristische Quellen werden längst nicht nur von denjenigen verwendet, deren primäres Erkenntnisinteresse in der Kriminalitäts- oder Justizgeschichte selbst liegt.

Das Kolloquium zu Kriminalität und Strafjustiz in der Neuzeit versteht sich als offener Arbeitskreis, der diesen unterschiedlichen Ansätzen und Interessen ein Forum zum Austausch und die Gelegenheit zur epochen- und disziplinübergreifenden Diskussion von Promotions-, Habilitations- und anderen Projekten bietet. Zu diesem Zweck möchten wir alle Kolleginnen und Kollegen, die sich mit den Themenbereichen Kriminalität und Strafjustiz, Devianz und soziale Kontrolle im 18. bis 20. Jh. beschäftigen, herzlich zum 4. Kolloquium vom 9. bis 11. September 2015 nach München/Gauting einladen.

Um einen breiten Austausch über laufende Forschungsprojekte zu ermöglichen, ist das Programm bewusst thematisch offen gehalten. Den Kern bilden Forschungsfragen zu Normen, Kriminalität, Delinquenz, Institutionen der Strafverfolgung, der Rechtsprechung und des Strafvollzugs sowie Methoden und Quellen. Willkommen sind auch Forschungsarbeiten, bei denen die Justiz nur einen Teilaspekt ausmacht, die aber den Austausch mit der Justiz- und Kriminalitätsgeschichte suchen. Neben der Geschichte und Rechtsgeschichte sind auch Beiträge etwa aus den Fächern Rechtswissenschaften, Soziologie, Anthropologie, Ethnologie oder Politikwissenschaft willkommen.

Zusätzlich zum thematisch offenen CfP möchten wir uns in diesem Jahr in zwei bis drei Sektionen dem Thema „Gewalt" widmen. Die Historisierung von Gewalt und Gewaltkriminalität hat Konjunktur, erweist sich aber als schwieriges Unterfangen. Sowohl die makrohistorische These vom Rückgang der klassischen Gewaltkriminalität als auch die vorwiegend aus mikrohistorischer Sicht diskutierte Frage, ob es eine spezifisch ‚moderne‘ Signatur von gewalttätigem Handeln gibt, stellen methodische Herausforderungen dar und werden kontrovers diskutiert. Neben Fragen, die auf die Entstehung von gewalttätigem Handeln abzielen, sind auch der juristische Gewaltbegriff und die Reaktionen auf Gewaltdelinquenz in den Blick zu nehmen. Der Umgang mit Gewalt, sei es in der Zivilgesellschaft oder im Justizapparat, erweist sich so gewendet wiederum als Sonde für die Analyse sozialer und politischer Ordnungen. Die Sektionen sollen dabei keine neue Gewaltgeschichte anstreben, sondern im Sinne der kriminalitätshistorischen Ausrichtung dazu dienen, Fragen der Gewaltforschung mit jenen der Delinquenzforschung zu verbinden und dadurch den kollektiven und staatlichen Umgang mit individueller Gewalt stärker zu konturieren. Daher sind sowohl Beiträge erwünscht, die Gewaltpraktiken und Konflikte untersuchen, als auch solche, die die kulturelle Konstruktion von Gewaltkriminalität durch Medien und Öffentlichkeit, soziale Milieus und Agenturen sowie Gerichte, Polizei und Expertisen in den Blick nehmen.

Sowohl für den thematisch offenen Teil als auch für das Schwerpunktthema Gewalt begrüßen wir neben Einzelvorschlägen auch Vorschläge für Panels mit 3-4 Referenten. Bitte senden Sie Ihre Vortrags- bzw. Panelvorschläge bis zum 1. März 2015 an die vier untenstehenden Organisatoren. Die Vorschläge sollten Vortragstitel, eine Zusammenfassung des Vortragsthemas (max. 300 Wörter, auf einer Seite) und kurze Angaben zur Person (max. 1 Seite) beinhalten und den Organisatoren in einer PDF-Datei per Email übermittelt werden. Paneleinreichungen sollten mit einem kurzen Abstract zum Gesamt-Panel (max. 200 Wörter) und den entsprechenden Angaben zu den einzelnen Vorträgen (max. 300 Wörter) und Vortragenden in einer PDF Datei kombiniert werden. Der zeitliche Rahmen der Referate umfasst 20 Minuten. Die Tagung wird im Institut für Jugendarbeit in Gauting bei München stattfinden, die sowohl eine kostengünstige Übernachtung als auch Vollverpflegung anbietet (ca. 130 EUR für die gesamte Tagung). Kosten für Anreise und Unterkunft können leider nicht übernommen werden. In begründeten Ausnahmefällen kann jedoch eine Reisebeihilfe für Doktorandinnen und Doktoranden gewährt werden.